AIKIDO

Aikido ist ein Weg zur Entwicklung von Körper und Geist auf der Grundlage der überlieferten japanischen Kampfkünste.

Gemeinsam mit vielen Schulungswegen ist dem Aikido

Der wesentliche Unterschied zwischen Aikido und der gängigen Vorstellung von „Kampfsport“ und „Selbstverteidigung“ ist der, dass es im Aikido keinen Kampf gibt, keinen Wettbewerb und kein Kräftemessen. Siege können im Aikido nur über sich selbst, über die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten errungen werden.

Haltung

Escaping Plane

Die Suche nach der richtigen Haltung hat - wie das meiste im Aikido - einen körperlichen und einen geistigen Aspekt, die sich gegenseitig durchdringen und beeinflussen.

Unsere Haltung ist das Ergebnis unserer Lebensgeschichte. Alle Erfahrungen haben Spuren in unserem körperlichen und geistigen Ausdruck hinterlassen. Es gibt deshalb nicht nur eine einzige richtige und allgemeingültige Haltung. Sie ist auch nicht Haltung im Sinn von "Festhalten" sondern Bewegung und Spiel mit dem Gleichgewicht. Jede Gliederbewegung verschiebt die Lage des Schwerpunktes, jede Wahrnehmung hat ihren Einfluss auf unseren Geisteszustand; beides nötigt zu ausgleichender Verschiebung des ganzen Systems. Wir können unsere Form nicht durch Festhalten bewahren, sondern müssen uns feinfühlig immer von neuem einstimmen.

Im Aikido suchen wir eine Haltung zwischen verkrampfter Anspannung und zerfliessender Formlosigkeit: gestaltete Gelöstheit. Wesentlicher Aspekt einer geistigen Haltung ist die ungeteilte Aufmerksamkeit am jeweils gegenwärtigen Tun.

Atmung / Ki

Lenticularis

Eine gute Haltung ist Bedingung für ruhige und tiefe Atmung, ungehinderten Energiefluss und den Aufbau unserer Mitte - und umgekehrt: ohne feste Mitte und durchatmeten Leib ist eine gute Haltung nicht möglich.

Im asiatischen Denken ist "Ki" die Ur-Energie, die gegensätzliche Prozesse durchlaufen hat und immer weiter durchläuft (werden und vergehen, verdichten und verflüchtigen). Die Lebensenergie alles Wesenden ist Teil dieses universellen Ki. Über die Atmung findet ein Austausch zwischen dem persönlichen und dem universellen Ki statt. Je tiefer und ruhiger die Atmung ist, desto umfassender kann dieser Austausch geschehen und desto besser ist unser Befinden. Hinderungen im Energiefluss führen zu Krankheit und Bewusstseinsstörungen; Stillstand ist Tod.

Bedingung für das Fliessen der Energie ist die Durchlässigkeit: Durchlässigkeit im Körper, in den Gelenken und Muskeln, Durchlässigkeit aber auch im Geist: nehmen und geben, Sein statt Haben.

Während die Ausatmung aktiv ist, erfolgt das Einatmen passiv; die Luft wird nicht eingesogen, sondern das durch die Ausatmung entstandene Vakuum wird automatisch aufgefüllt. Dem liegen auch zwei Qualitäten des Ki zugrunde: dem Ausatmen eine kraftvolle, dynamische Vitalität, dem Einatmen eine rezeptive Empfindsamkeit.

Ebenso wie sich die geistige Verfassung auf die Atmung auswirkt und umgekeht, sind Geist und Ki miteinander verwoben. Positive Einstellung verstärkt das Ki, während allein schon der Gedanke an ein Misslingen den Erfolg eines Tuns in Frage stellt.

Die Entwicklung von Ki und Atemkraft in fliessenden Bewegungen ist ein zentraler Aspekt im Aikido.

Mitte

Twins

Die Redewendung „Ausser-sich-Sein“ veranschaulicht schön das Gegenteil des Zustandes dessen, der in seiner Mitte ruht. Unsere Mitte ist also der Ort, wo wir uns sammeln können, wo wir uns selbst (oder unser Selbst) finden. Die Mitte bezeichnet auch den Gleichgewichtszustand zwischen Gegensätzlichkeiten, die Mitte zwischen hart und weich beispielsweise, oder zwischen Gewinn und Verlust.

In den asiatischen Kulturen wurde der Leibesmitte des Menschen von jeher grosse Bedeutung zugemessen. Unter anderem befindet sich hier das Zentrum der Energie (Ki) und strahlt von da in den ganzen Körper. Folgerichtig ist die Mitte auch der Ursprung der Bewegung und solange wir unsere Mitte auch in einem dynamischen Kraftfeld (z.B. Konflikt) im Gleichgewicht halten können, solange bewahren wir auch unsere Integrität.

Handlungen, die ungestört aus der Mitte erfolgen, bedürften einer neuen grammatikalischen Form: Tätigkeitswörter zwischen Aktivum und Passivum. Handlungen aus der Leibesmitte sind nicht aktiv im Sinne von willentlich, aber auch nicht passiv als sich irgendwelchen äusserlichen Kräften überlassend. Das vollkommenste Gelingen im Tun und Sein ist jenes, das in der Mitte gründet.

Übung

Potemkin in Sigriswil

Aikido erklären zu wollen ist immer eine ungenügende Sache. Aikido muss erfahren und von innen heraus be-griffen werden. Es geht nicht um von aussen übernommene Systeme oder Inhalte, sondern allein wesentlich sind die am eigenen Leibe gemachten, aus eigenen Kräften gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse.

Durch geduldiges und regelmässiges Üben lernen wir unsere körperlichen und geistigen Bewegungen, unsere Atmung und unseren Energiefluss aufeinander abzustimmen und werden so befähigt, in geeigneter Weise auf das einzugehen, was von aussen auf uns zukommt.

Fortgesetzte Übung verhilft nicht nur zum Können, sondern eröffnet immer wieder neue Bereiche des Verstehens. Das Üben ist deshalb ein Wert für sich und nicht auf das Erreichen eines Ziels gerichtet. Zweckgebundenes Üben verengt das Erfahrungspotential und durch die oft damit einhergehende Verbissenheit wird der Zugang zur harmonischen Bewegung erschwert.

Im Aikido wird also nicht bloss die körperliche Leistungsfähigkeit und Funktionstüchtigkeit bewahrt und erhöht, sondern es geht um eine gesamtheitliche Persönlichkeitsentwicklung, um Werte wie Gelassenheit, innere Heiterkeit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit.

Mit der Zeit dehnt sich die Übung auf den Alltag aus. "Unangenehme" Arbeiten können dann kreativ bewältigt werden; alle gestellten Aufgaben bieten die Möglichkeit, an ihnen zu wachsen.

Open-Air Performance

Wie kann das nun konkret aussehen? Geübt wird auf einer weichen Unterlage, barfuss und vorzugsweise in einem reissfesten Trainingsanzug. Vor dem Betreten der Matte verneigen wir uns - eine Geste des Respektes vor dem Ort und des Willens, uns ganz der Übung zu widmen. Eine kurze Meditation im Fersensitz dient der Sammlung. Wir beginnen mit Lockerungs-. Kräftigungs- und Dehnungsübungen sowie Übungen für die Haltung, Atmung, Energie und Mitte. In der "Fallschule" lernen wir uns auf ver- schiedenste Weise so abzurollen, dass wir Stürze unverletzt bewältigen können. Anschliessend werden Aikido-Techniken geübt: mit einem oder mehreren Partnern und Partnerinnen, auf den Knien oder stehend, meistens ohne, manchmal aber mit Holzwaffen. Das Üben mit Partnern fügt den Aspekten Haltung, Atmung und Mitte noch weitere wichtige Dimensionen hinzu: jene der ZEIT (timing) und jene der richtigen DISTANZ. Eine Technik wird beispielsweise vorgegeben, wir suchen uns eine Partnerin oder einen Partner, es wird ausgemacht, wer die Rolle des Angreifens und wer jene des Verteidigens übernimmt. Die Technik wird ein paarmal links und rechts geübt, dann werden die Rollen vertauscht. Nach dem Studium einiger Techniken oder einer Technik auf ver- schiedene Angriffsmöglichkeiten folgt vielleicht noch freies Angreifen und Verteidigen. Eine kurze Meditation beschliesst die Lektion.

© Samuel Hess, ca. 1990

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